Themenbereich Geschlechterpolitik

Studie über die weibliche Genitalverstümmelung

Das Schweizerische Kompetenzzentrum für Menschenrechte (SKMR) wurde beauftragt, strategische und operationelle Empfehlungen im Bereich der weiblichen Genitalverstümmelung/Genitalbeschneidung in der Schweiz zu erarbeiten.

Bedeutung für die Praxis:

  • Heute leben in der Schweiz schätzungsweise 10'000 beschnittene oder von Beschneidung bedrohte Mädchen und Frauen.
  • Es müssen sowohl auf nationaler als auch auf kantonaler und lokaler Ebene Anstrengungen für die Prävention, die Versorgung, den Schutz und die Intervention im Bereich der weiblichen Genitalverstümmelungen/Genitalbeschneidungen an die Hand genommen werden.
  • Aufgrund eines breit angelegten Konsultationsverfahrens arbeitete das SKMR im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit und des Bundesamtes für Migration Empfehlungen aus.

Weibliche Genitalbeschneidung in der Schweiz

In den 29 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens, in denen weibliche Genitalverstümmelung/Genitalbeschneidung (FGM/C) hauptsächlich praktiziert wird, leben mehr als 125 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen. Schätzungsweise 10'000 beschnittene oder von FGM/C bedrohte Mädchen und Frauen leben – meist als Folge von Migrations- und Fluchtbewegungen – heute in der Schweiz.

In Umsetzung der parlamentarischen Initiative Roth-Bernasconi (2005) stellt die Schweiz seit dem 1. Juli 2012 mit Art. 124 StGB alle Formen von Verstümmelung oder Beschneidung weiblicher Genitalien explizit unter Strafe. Parallel dazu verlangt die Motion Roth-Bernasconi (2005) auch Massnahmen zu Prävention, Versorgung, Schutz und Intervention im Bereich der FGM/C. Das in dieser Frage federführende Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat deshalb zusammen mit den Behörden und Nicht-Regierungsorganisationen, die auf dem Gebiet von FGM/C aktiv sind, die Nationale Arbeitsgruppe gegen weibliche Genitalbeschneidung (AG FGM) ins Leben gerufen. Diese bündelt die in der Schweiz in diesem Bereich vorhandenen Kompetenzen und stellt den Informationsaustausch sicher. Das BAG hat gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration (BFM) den Bereich Geschlechterpolitik des SKMR beauftragt, Empfehlungen für die Prävention von FGM/C, für Massnahmen zur Versorgung von Opfern von FGM/C sowie für den Schutz und die Intervention bei drohender FGM/C zu erarbeiten.

Konsultation der FGM/C-ExpertInnen in der Schweiz

In einem ersten Schritt wurde im Rahmen dieser Studie eine Übersicht über bereits vorhandene Empfehlungen erarbeitet, welche nach Zielgruppen gebündelt und priorisiert wurden. Anschliessend fand ein umfangreiches und breit angelegtes Konsultationsverfahren statt, in welchem diese Empfehlungen von Experten/-innen validiert wurden. Insgesamt wurden fünf Konsultationsrunden in unterschiedlichen Bereichen organisiert: Sensibilisierung/Prävention und Versorgung im Asylverfahren, Sensibilisierung/Prävention und Versorgung im Gesundheitsbereich, Sensibilisierung/Prävention und Versorgung der Migrationsgemeinschaften, Sensibilisierung/Prävention im Bildungs-, Sozial- und Integrationsbereich, Schutz und Intervention sowie Koordination der Zuständigkeit und Vernetzung auf der Ebene der Kantone und anderer Institutionen. Die Fachleute, die sich am Konsultationsverfahren beteiligten, stammen aus allen Bereichen, die mit der Problematik von FGM/C konfrontiert sind (Gesundheitsbereich, Bildungsbereich, Kinder- und Jugendhilfebereich, Sozialhilfebereich, Integrations-, Migrations- und Asylbereich, Polizei und Justiz). In allen Konsultationsrunden haben zudem Fachpersonen aus jenen Migrationsgemeinschaften teilgenommen, in denen FGM/C praktiziert wird. Den Kontakt zu den Migrationsgemeinschaften stellte Caritas Schweiz sicher. Gesamthaft nahmen 65 Personen aus der ganzen Schweiz an den Konsultationsrunden teil. Die Experten/-innen aus der Romandie waren überproportional, diejenigen aus der italienischsprachigen Schweiz hingegen gar nicht vertreten. Die Mehrheit der Teilnehmenden waren Frauen.

Ergebnisse

Die Erkenntnisse aus den insgesamt fünf Evaluationsrunden wurden in der Folge detailliert ausgewertet. Sie bilden die Grundlage für eine Reihe von strategischen und operationellen Empfehlungen, die dem BAG und dem BFM nun als Ergebnisse vorgelegt wurden. Die strategischen Empfehlungen richten sich in erster Linie an den Bund und die Kantone. Sie nennen die wichtigsten Anliegen, die von den verschiedenen Berufsgruppen und den Fachleuten der Migrationsgemeinden formuliert wurden, und gipfeln in der Empfehlung, eine umfassende nationale Strategie für die Prävention, die Versorgung, den Schutz und die Intervention im Bereich der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM/C) zu erarbeiten. Sie soll Massnahmen aufgreifen, die bereits erfolgreich angewendet werden, und diese gezielt ergänzen und erweitern. Besonders empfohlen werden eine communitybasierte Präventionsarbeit, eine sorgfältige Dokumentation und ein umfassendes Informationsportal für FGM/C sowie eine koordinierte Präventionsarbeit im Rahmen des Asylverfahrens und eine Definition der Verantwortlichkeiten und der entsprechenden Schutz- und Interventionsverfahren.

Die Empfehlungen für die Umsetzung beziehen sich erstens auf die Sensibilisierungs- und Präventionsarbeit, zweitens auf die Versorgung von Personen, an denen FGM/C vollzogen worden ist, und drittens auf Massnahmen im Bereich Schutz und Intervention. Von zentraler Bedeutung sind in jedem Fall Vorgehensweisen, die auf die Bedürfnisse der Migrationsgemeinschaften und der Betroffenen Rücksicht nehmen, Stigmatisierungen vermeiden und auf den intimen Charakter der Thematik Rücksicht nehmen sowie eine entsprechende Sensibilität an den Tag legen. Weiteres wichtiges Prinzip ist die Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes und der Einbezug von Multiplikatoren/-innen, wobei die entsprechenden Ressourcen einzuplanen sind, damit die wertvolle Arbeit auch angemessen und ohne Diskriminierung entschädigt werden kann. Schliesslich müssen sich alle Massnahmen im operativen Bereich letztlich am Ziel, eine Verhaltensänderung herbeizuführen, orientieren.

Weiter ist noch zu bemerken, dass die Identifikation von Lücken weniger ergiebig war und dass sich die Teilnehmenden im Laufe der Konsultationen nicht darauf einigten, was als gute Praxis bezeichnet werden soll.

Studien der AG FGM

Zu den Studien im Bereich FGM/C gehört die im März 2014 herausgegebene SKMR-Studie „Prävention, Versorgung, Schutz und Intervention im Bereich der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM/C) in der Schweiz: Empfehlungen und Best Practices“. Ebenfalls im März 2014 wurde die Studie von Terre des femmes Schweiz „FGM in der Schweiz: Bestandesaufnahme über die Massnahmen gegen weibliche Genitalverstümmelung in der Schweiz in den Bereichen Prävention, Unterstützung und Schutz“ veröffentlicht. Diese Arbeit gibt einen Überblick über die Aktivitäten, die in den verschiedenen Regionen der Schweiz durchgeführt werden und zeigt gute Beispiele mit Modellcharakter auf. Alle Studien der AG FGM verfolgen dasselbe Ziel: die Beratung, die Unterstützung und den Schutz der von FGM/C betroffenen Frauen und Mädchen in der Schweiz.

29.05.2014